Medienprojekt Hephata Akademie

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Neues vom Campus HEP 6: Berlin Zur Ruhe kommen bei Schwester Inge

Zur Ruhe kommen bei Schwester Inge

E-Mail Drucken PDF

Beinahe wäre ich auf dem Weg in unsere Unterkunft im Jugendgästehaus der Stadtmission Berlin an dem kleinen Café vorbeigegangen. Bei recht frischen Temperaturen saßen etwa zehn Gäste unter Sonnenschirmen vor der Tür. Draußen rumlaufen okay, aber draußen sitzen, dafür war es mir dann doch zu kalt. Aber wo Café drauf steht, muss es doch zumindest Kaffee geben und vielleicht auch ein Stück Kuchen. Also bin ich rein und war überrascht wegen der warmen Atmosphäre, die mir entgegenschlug. Und da war dann auch noch Schwester Inge.

Schwester Inge im Café inneHALT der Stadtmission Berlin

Schwester Inge ist Diakonisse, ein in heutiger Zeit eher seltener Beruf. Sie kam vor ein paar Jahren aus dem Süden Deutschlands aus Freiburg nach Berlin und trat in den Dienst der Stadtmission, die das Café betreibt. Wenn man genauer hinhört, dann bemerkt man ihn noch, den badischen Akzent. Er wirkt ein wenig fremd in dieser Umgebung, hebt sich ab von den Gästen, von denen viele eindeutig „berlinern“.

Im Café stehen viele alte Sachen: Gebundene Bücher, Henkeltassen, hölzerne Kaffeemühlen, verglaste Hängeschränkchen und die Kerzen verbreiten eine wohlige Gemütlichkeit. Wie sich herausstellt, gibt es hier Kaffee und Kuchen, der Kaffee wird frisch gemahlen und der Kuchen ist selbst gebacken. Und es ist warm. Also bleibe ich sitzen. Die Bedienung hat eine Schwesternhaube auf und trägt eindeutig die dunkle Tracht der Diakonissen. Eigentlich wollte sie in Ruhestand gehen, sagt sie, als sie sich zu mir an den Tisch setzt. Aber dann sollte auf dem Gelände der Gästehäuser ein Café aufgemacht werden. Und weil sie in Freiburg auch schon ein Café aufgemacht hatte, sei sie gefragt worden, ob sie sich nicht vielleicht mit ihren Erfahrungen einbringen wollte. Und sie hat zugesagt.

Herausgekommen ist ein kleines Schmuckstück mit einer besonderen Atmosphäre, das Café inneHALT, das gemeinsam mit den anderen Mitarbeitern/-innen entstanden ist. Auf der einen Seite die Einrichtung, wohl aus Haushaltsauflösungen, die man, wie zum Beispiel die Kaffeemühle aus dem VEB Universal Werk, auch kaufen kann. Daneben Artikel aus dem Eine-Welt-Handel, gebrauchte Bekleidung für Menschen, die sich nicht die neuesten Klamotten leisten können. Und sie hat ein offenes Ohr für Menschen, die etwas auf dem Herzen haben. Wie zum Beispiel Christian – den Nachnamen habe ich nicht mitbekommen –, der morgen ins Krankenhaus muss, weil er einen gutartigen Tumor aus dem Oberschenkel entfernt bekommen soll. Er war in den letzten Jahren öfter im Krankenhaus, manchmal waren seine Krankheiten lebensbedrohlich. Die bevorstehende Operation ist vergleichsweise harmlos. Doch man merkt dem Mann an, dass er sich Sorgen macht, er braucht jemand zum Reden. Er hat früher auf der Straße gelebt, jetzt ist er Gast in der Berliner Stadtmission. Gut für ihn, dass es dort Menschen gibt, die ihm zuhören.

Schwester Inge und die anderen im Café kümmern sich auch um die anderen Menschen, zum Beispiel die, die obdachlos sind. Von November bis Ende März wird das unterste Geschoss der Gästehäuser frei gemacht und den Menschen zur Verfügung gestellt. Wenn es solche Gelegenheiten nicht gäbe, stünden viele in großer Gefahr krank zu werden oder im schlimmsten Fall sogar zu erfrieren.

Die Stadtmission kümmert sich. Auch um alte Menschen, um Menschen mit Behinderung, mit psychischen Erkrankungen und Menschen mit Suchterfahrung. Schwester Inge sagt, dass sie hier in Berlin so vielen Menschen mit einem schweren Schicksal begnegnet ist wie sonst nirgends. In einer Großstadt ist das Risiko groß, dass Menschen stranden und alleine nicht mehr zurechtkommen. Gut, dass es Menschen wie Schwester Inge und Begegnungsstätten wie das Café inneHALT gibt.

Foto: © Ortrud Wohlwend, Stadtmission Berlin, alle Rechte vorbehalten

Links

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. November 2011 um 13:47 Uhr